Amortisation oder Motivation?

Christfried Lenz
4.5.2014

Wer eine Solaranlage plant, fragt i.d.R. als allererstes: bis wann amortisiert sie sich, wann wird die Investition durch Einsparungen beim Netzstrombedarf, bzw. im Fall der Solarthermie durch weniger Öl- oder Gaskosten wettgemacht?

In früheren Zeiten war solche Kalkulation völlig logisch und gerechtfertigt. Seit uns bewusst ist, dass wir durch Verbrennung fossiler Stoffe Klima und Umwelt schädigen, müssen wir das Thema „Amortisation“ mit einer etwas „höheren Mathematik“ angehen. Bei geweitetem Blick wird nämlich deutlich, dass der Betrag, der auf unserer Rechnung für Kohle- oder Atomstrom, für Öl oder Gas ausgewiesen wird, nur einen Teil der Summe darstellt, die wir in Wirklichkeit für die Nutzung dieser Energiequellen zahlen. Denn die Schäden, die sie verursachen, haben auch einen Preis, sogar einen unbezahlbaren!

Es wurde und wird versucht, diesen Preis auch zu beziffern – besonders umfassend und öffentlichkeitswirksam von Nicholas Stern (The Economics of Climate Change, 2007). Doch sind dies nur Versuche, uns an dem quantifizierenden Denken, in dem wir uns nun mal vorwiegend bewegen, zwecks Aufrüttelung zu packen.

Denn tatsächlich werden angesichts zu erwartender Klimaauswirkungen die Grenzen dieses Denkens überschritten: Zwar kann ein durch eine Naturkatastrophe zerstörtes Dorf wieder aufgebaut werden, und wieviel Dollar das kostet, lässt sich ziemlich leicht ermitteln. Den betroffenen Menschen ihr zerstörtes Urvertrauen und ihre Lebensfreude zurückzugeben, ist hingegen kaum möglich. Solches gibt es nicht auf dem Markt zu kaufen, womit es einem Denken in Geldbeträgen grundsätzlich enthoben ist. – Gleiches gilt für unzählige weitere Aspekte: Auch ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten können nicht „neu gekauft“ werden. Der durch ihr Verschwinden verursachte Verlust an Vielfalt und Lebensreichtum ist qualitativer Art und nicht in einer Geldquantität ausdrückbar.

All dies müssen wir bei der Frage nach der „Amortisation“ in unseren Blick einbeziehen – und noch mehr: Angenommen, wir entscheiden uns für eine solare Anlage und gehen mit der Amortisationsfrage großzügig um, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten, da geraten wir schon in eine weitere Unsicherheit. Denn wer weiß, ob die bisher unglaublich zögerlichen Schritte der Menschheit hin zu einer CO2-freien Energieerzeugung überhaupt noch etwas ausrichten werden? – Das Risiko des Scheiterns ist absolut gegeben – und muss eingegangen werden!!

Eine andere Möglichkeit existiert nicht. Es ist wie bei jedem Wagnis: Man weiß nicht vorher, ob es gelingt. Wer es aber gar nicht erst versucht, hat auf jeden Fall verloren.

Die einzige Frage von Belang ist: will ich einen Beitrag zur Energiewende (und damit einen Beitrag zu der ganz umfassenden Wende, die ansteht) leisten und bin ich dazu in der Lage? – Falls ja, tue ich es – ohne Kalkulation und nur „belohnt“ durch ein Gefühl von Stimmigkeit und daraus erwachsender Befriedigung.

Gewiss, der gegenwärtige Zustand, in dem die Photovoltaik so billig geworden ist, dass fast jeder sich zumindest ein Balkonkraftwerk leisten kann, wurde dadurch erreicht, dass Millionen Anlagen errichtet wurden von Leuten, die das in erster Linie wegen der damals großzügigen Einspeisevergütung taten. Die Konzerne haben damals geschlafen oder nicht glauben wollen, dass diese Entwicklung ihnen gefährlich werden kann und unternahmen nichts dagegen. – Heute sind sie aufgewacht und tun etwas….

So müssen wir heute auf der politischen Ebene heftig um die Rahmenbedingungen der Energiewende kämpfen – und wir müssen zusätzlich das große finanzielle Potenzial mobilisieren, das auf persönlichen Ebenen vorhanden ist und dort noch schlummert.

Hat sich denn schon mal jemand gefragt, wann sich der neue Fernseher mit dem Flachbildschirm amortisiert oder das neue schicke Auto?? – Diese Dinge kaufen wir nicht, damit sie etwas einsparen und sich dadurch amortisieren, sondern einfach, weil wir sie haben wollen, weil wir uns von ihnen eine Bereicherung des Lebens, neue Reize oder was auch immer versprechen.

Sich selber mit Strom und Wärme versorgen, erhalten von der Sonne, die „der Herr scheinen lässt über Gerechte und über Ungerechte“, das hat – neben allem anderen – auch einen Reiz, z.B. den Reiz der Unabhängigkeit – ein überaus apartes Gefühl! – Auch derartige Dimensionen eröffnen sich beim Umstieg auf erneuerbare Energien. Sie zu erkunden, ist absolut empfehlenswert!

Wir polemisieren gegen die Konzerne, für die einzig der kurzfristige Profit zählt. – Wenn wir mit dem Thema „Amortisation“ in der herkömmlichen Weise umgehen, bewegen wir uns – im Kleinen – auf den gleichen Bahnen wie sie. – Dies sich klar zu machen, fördert bestimmt die Motivation, neue Verhaltensweisen zu erproben!

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